Steinstossen, Fahnenschwingen und Parkplatzstreit als Mega-Event

0 Flares Twitter 0 Google+ 0 Facebook 0 LinkedIn 0 0 Flares ×

Wenn das Feld bestellt, die Ernte eingefahren und die Kuh bis auf den letzten Tropfen ausgemolken ist, was tut der Bauer da? Er sucht sich ein neues Feld und legt sich eine weitere Kuh zu. Gleich verhält es sich mit Werbung, Medien und Sponsoring. Das hat uns das zurückliegende Eidgenössische Schwing- und Älplerfest auf eindrückliche Art und Weise aufgezeigt. Kaum ein Kanal, kaum eine Reklametafel, auf dem und der nicht mit dem Sujet Schwingen und den damit verknüpften Werten Swissness, Tradition, Bodenständigkeit und Zusammenhalt gespielt worden wäre. Wenngleich einzelne Kampagnen durchaus gelungen daherkamen, so hat die reine Masse zu einem absoluten Overkill geführt.

Und so frage ich mich als Schwingerfreund momentan, was nach dem Schwingen wohl kommen mag, das die grundsoliden Werte helvetischer Prägung so schön verkörpert, auf dass man damit sein Unternehmen und seine Marke ins richtige Licht rücken kann.

Spontan kommen mir da folgende Disziplinen in den Sinn:

Jodeln. Wieso nicht? Das nächste Eidgenössische Jodlerfest findet im nächsten Juli in Davos statt. Die schönsten Vorjodlerinnen und Vorjodler der Schweiz stürzen sich im Vorfeld auf der Titelseite des Boulevards perfekt inszeniert von Klippen, ziehen bis aufs Jodlerchäppi blank, präsentieren ihre tätowierten Haxen – und vermitteln dem Volk so das Bild des lässigen und gleichwohl bodenständigen Zeitgenossen, der in der Tradition und im Brauchtum die Kraft für seinen modernen Alltag tankt.

Fahnenschwingen. Na klar! „Für einen schönen Batzen lässt bestimmt mal einer statt dem Schweizerhudel unsere Firmenfahne gen‘ Himmel steigen“, sagt der Marketingleiter der Firma XY und strahlt übers ganze Gesicht; „Frau Bucher, rufen Sie da mal an und erkundigen Sie sich, was das kosten würde!“

Steinstossen. Sowieso! Die Bestimmungen werden kurzenhand umgeschrieben. Es geht nicht mehr um Weite, sondern um Zielgenauigkeit: Zahlungskräftige Unternehmen können einzelne Felder buchen, auf denen dann ihr Logo prangt. Der Stösser, logischerweise ebenfalls von einer (und derselben) Firma gesponsert, sucht sich dann eine der Zielflächen aus und versucht, diese mit dem schweren Brocken zu tüpfen. Wer nach neun Durchgängen am meisten Übereinstimmungen zwischen Feldsponsor und persönlichem Sponsor zustande gebracht hat, gewinnt. Interessant vor allem für Grossunternehmen, die gleich die ganze Zielfläche zu buchen im Stande sind. Das Schweizer Fernsehen schickt seine besten Leute zur Berichterstattung an den Anlass. Und als Aussenreporterin agiert Christa Rigozzi. Die hat zwar keine Ahnung vom Steinstossen, zieht aber immer.

Apropos ziehen: Seilziehen. Bisher völlig unterbewertet. Alle ziehen am selben Strick. Was für ein Sinnbild! Besser lässt sich eine Dienstleistung wohl kaum bewerben. Plötzlich prangen auf den Litfasssäulen landauf, landab statt der Schnellkredit-Sujets nur noch Menschen, die am Seil hängen. Das Seilziehen erlebt einen wahren Boom. An den Seilzieh-Weltmeisterschaften in Hintertupfikon werden 250’000 Zuschauer erwartet, im „Glanz&Gloria“ plaudern urige Gesellen über ihren plötzlichen Ruhm, der Papst – schon lange ein grosser Fan des Seilziehens – reist extra aus seiner Ferienresidenz Castel Gandolfo an. Doch das ganze hat auch Schattenseiten: Weil der zuständige Bundesrat den Veranstaltern die Hilfe der Armee beim Aufbau der gigantischen Infrastruktur versagt hat, mussten diese Hilfe im Osten anfordern. Jetzt haben die Hintertupfiker einen Haufen Schulden (jaja, die Schnellkredite) – und das Inkassobüro Moskau im Nacken. Fortan sollen an den Seilzieh-Weltmeisterschaften kleinere Brötchen gebacken werden, fordert der Verband.

Parkplatzstreit. Darin sind wir Schweizer doch eh Weltmeister! Warum also die entsprechenden Querelen rund um zugeparkte Einfahrten, unrechtmässig verstellte Parkflächen und fröhlichfrech annektierte Privatparkplätze nicht gleich zum Event machen? Wüste Worte, Stinkefinger und fliegende Fäuste – und das alles gesponserte von den grossen Rechtsschutzversicherungen! Eine Woche vor dem grossen Showdown auf dem Areal eines namhaften Autoimporteurs im nebligen Mittelland sendet das Schweizer Fernsehen die Eigenproduktion „Dänu – vier Felgen für ein Holdrio“. Das ganze, im Übrigen, wäre sicher auch auf die Disziplin Waschküchenstreit zu adaptieren. Einfach mit anderen Sponsoren (Waschmittel).

Sie haben recht: Mit meinen Ideen schiesse ich eindeutig übers Ziel hinaus. Die vorab geschilderten Beispiele allerdings werden im und rund ums Schwingen – immerhin der Nationalsport – indes bereits (fast) alle so praktiziert. Noch vor zwanzig Jahren wäre dies so sicher nicht denkbar gewesen. Das kann man gut finden oder nicht. Wenn allerdings ganze Kohorten von Kreativen zum gleichen Zeitpunkt auf den gleichen Anlass fokussiert zu den selben Botschaften greifen (eben: Swissness, Tradition, Bodenständigkeit und Zusammenhalt), dann ist das vor allem eines: nicht wirklich originell.

0 Flares Twitter 0 Google+ 0 Facebook 0 LinkedIn 0 0 Flares ×

Kommentare sind geschlossen.