Skeuomorphismus ist besser als sein Ruf

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Mein ganz persönliches Wort des Jahres 2012 ist nicht Shitstorm sondern: Skeuomorphismus – was für Wort! Und was für einen Blitzstart hat dieser Begriff hingelegt: Die längste Zeit nur in den Köpfen einiger weniger Designer gespeichert, schafft er es innert kürzester Zeit zum ubiquitären Allgemeingut von Smartphone-Besitzer und Mit-Fingern-über-Tablets-Wischer. Und noch während des Aufstiegs aus den nerdigen Niederungen wird Skeuomorphismus bereits zum Lieblingsopfer der Bashing-Gemeinde.

Skeuomorphismus - Screenshot von Kalender auf dem iPad

So sollen „skeuomorphe“ Gründe gar für die Rochade an Apples Firmenspitze und Scott Forstalls Abgang verantwortlich sein. Und allenthalben wird der Ledereinband im iOS-Kalender als Beispiel angeführt. Ich bin selber absolut kein Fan von falschem Leder, aber ich halte die Kritik trotzdem für falsch. Fragen wir doch die Wikipedia, was denn Skeuomorphismus eigentlich ist:

A skeuomorph /ˈskjuːəmɔrf/ [skyoo-uh-mawrf], or skeuomorphism (Greek: skeuos, σκεῦος — vessel or tool —, morphê, μορφή — shape), is a design element of a product that imitates design elements that were functionally necessary in the original product design, but which have become ornamental in the new design.

Ein Skeuomorphismus liegt also vor, wenn ein ursprünglich zur Funktionalität notwendiges Element in das neue, in diesem Fall digitale Design übernommen wird, obwohl es nicht zwingend nötig wäre. Und hier gebe ich den Kritikern des oben abgebildeten Kalenders Recht: Ist der Ledereinband noch eine reine Geschmacksfrage, macht es jedoch absolut keinen Sinn, die Wochenübersicht im Stil eines Abreisskalenders zu gestalten ohne die Blätter abreissen zu können. Die Navigation funktioniert über den gleichen „Swipe“, mit dem ich auch durch Tage, Monate oder Jahre navigiere. (Unter uns: Der ungeschickt eingesetzte Skeuomorphismus ist noch das kleinste Problem des Apple-eigenen Kalenders – zu Recht verzeichnen bessere Apps wie Fantastical oder Agenda Calendar so viele Downloads!)

Skeuomorphismus - Screenshot eines iBooks von John Fante

Ein viel besseres Beispiel skeuomorphen Designs ist das iBook. Obschon sich nicht wenige daran stören, dass man sich die Datei aus einem „Bücherbord“ holen muss, ist die Verwendung der Bücher perfekt gelöst. Jedermann und Jedefrau, Greise und Kleinkinder – schlicht alle, die schon einmal ein gedrucktes Buch vor sich hatten, können iBooks lesen. Umblättern ist logische Handlung, um den Inhalt weiter zu transportieren, selbst wenn die Computer-Logik für „neuen Bildschirminhalt zeigen“ eigentlich Scrollen wäre. Keine Eingewöhnungszeit, kein Manual, keine Hemmungen oder Hürden – so muss Skeuomorphismus sein. Gute Software ist immer auf den Nutzer und seine Erfahrungswelt zugeschnitten – schlechte verlangt von ihm, die Beschränkungen der Entwickler mit seinem Willen zur Anpassung wett zu machen.

Skeuomorphismus - Trello Board

Ein Beispiel, das gänzlich ohne dekorativen Klimbim auskommt, ist Trello. Was soll daran skeuomorph sein, mag sich der eine oder die andere fragen. Nun, die Web-Applikation imitiert auf übersichtliche und nüchterne Weise das Projekt-/Kundenmanagement, das vielen (älteren) von uns noch geläufig ist: Lauf- oder Auftragstaschen. Gefüllt mit sämtlichen relevanten Informationen zum Auftrag, werden sie von Abteilung zu Abteilung weiter gereicht, so dass alle involvierten Bereiche auf dem gleichen Stand sind und ihre Aufgabe (im Kontext) kennen. Landet eine Lauftasche zuoberst in deinem Eingang, ist es Priorität eins, ist der Job erledigt, leitest du ihn weiter.

Checklisten, Anhänge, Zuordnung von Mitarbeitern – in den „Cards“ lassen sich Unmengen von  Details festhalten und mit dem Team oder Gruppen teilen. Im Gegensatz zu vielen Konkurrenten verliert man aber nicht das grosse Bild und den Überblick, was ich sehr schätze.

Skeuomorphismus - Trello-Card Beispiel

Zum Schluss noch die wahrscheinlich immer noch schönste App in Sachen Skeuomorphismus – mindestens für ehemalige Schwarzkünstler: LetterMpress. Die Abzugpresse für den Mac lässt alte Zeiten wieder aufleben und lädt zum Spielen ein. Wenn nur der Geruch von Druckerschwärze und Typoline noch unterstützt würden …

Skeuomorphismus - LetterMpress

 

Pro oder contra: Was ist deine Meinung – und welche Beispiele regen dich auf oder inspirieren dich?

 

 

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